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Erinnert sich noch jemand an Eddie Brickell? Ende der Achtziger hatte sie einen Hit, »What I Am«, für den Film »Geboren am 4. Juli« nahm sie Dylans »A Hard Rain’s A-Gonna Fall« neu auf. Sicher deshalb und aufgrund der folkig-granteligen Kargheit ihrer Musik galt sie zwei Sommer lang als die neue und weibliche Version Bob Dylans. Dabei waren ihre Lieder eigentlich recht warmherzig und ihre Stimme zwar kantig aber wahrl ich von mehr Wohlklang als die des Herrn D. Später dann in den Neunzigern wurden ihre Lieder seicht, da hörten auch die Vergleiche auf.
Zeit für einen neuen: Clara Luzia ist die neue Eddie Brickell. Die zartrauchige Stimme, die ausufernden Melodien, die tirilierenden Gitarrenzupfer, Clara Luzia führt uns zurück ins Jahr 1988, in dem Brickells »Shooting Rubberbands At The Stars« erschien. Ihre zweieinhalb bislang erschienenen Alben strahlen Wärme und Zurückhaltung aus, leben von einer sommerlichen Melancholie, die die Niedertracht der Welt auf die leichte Schulter nimmt. Clara Luzia singt von bösen Menschen und verflossenen Liebhaberinnen, von Trennung und Verlust – mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen.
Aber: Clara Luzia, was ist das überhaupt für ein Name? Man denkt doch eher an die Tochter eines Kreativen-Pärchens in Prenzlauer Berg, als an eine ernstzunehmende Musikerin. Clara Luzia aber ist knappe Dreißig und kommt aus Wien. Und wie es so oft ist mit den kleinen Helden der lebhaften Österreichischen Singer/Songwriter-Szene: Die Grenze ins Nachbarland scheint unüberwindbar. Sie hat es im zweiten Anlauf doch geschafft, wir lernen hierzulande ihre Lieder nun sozusagen falsch herum kennen. Ihr zweites Album »The Long Memory« erschien im vergangenen Jahr bei Unterm Durchschnitt (bzw. auf deren Tochterlabel Ansinella Records, Anm. d. Red.), ihr erstes »Railroad Tracks« dieser Tage ebendort. Zwischendurch gab es das Minialbum »The String And Then Some«, die Dame ist umtriebig.
Warum eigentlich Unterm Durchschnitt? Auf den meisten dort veröffentlichten Platten brezelt es ganz gehörig, Katzenstreik und Captain Planet machen Punk, Syn Error und Iskra Indierock. Wie passen die meist sanften Töne von Clara Luzia da nun hinein? Vielleicht ist es ihr punkiger Humor? Ihre wenig anbiedernde Art, Lieder zu Komponieren? Oder solche gegen Heteronormativität und anderen Blödsinn gesungene Zeilen: »Look what a lucky gal I am / the only thing I have to fight / is homophobia / and racism, and sexism // Look what a lucky gal I am / today I take a day off / kiss the woman I love / and watch the sun above.«
Man sollte ihre Alben in der eigentlichen Reihenfolge kennenlernen. Wer sich erst in das ruhige »Railroad Tracks« verhört, lässt sich von den vergleichsweise großen Gesten von »The Long Memory« umso einfacher mitreißen. Im Jahr 2006 erschien »Railroad Tracks« in Österreich, welch passendes Wortspiel. Auf der Hülle liegt sie zwischen den Gleisen, den »Tracks« – ihre Lieder, eben auch »Tracks« erzählen vom Verarbeiten und vom Wandel. Ihr Körper sei ein Tagebuch, singt sie, Erinnerungen wie Tätowierungen: »It might not show it right away, but it remembers every day.« Die Instrumente klingen noch behutsam, eine Gitarre, ein sachtes Cello, auch mal ein Akkordeon, ein Glockenspiel. Fünfzehn große Kiesel feinsten Folk-Pop sammelt Clara Luzia zwischen den Schienen auf. Auf »The Long Goodbye« legen die Musiker eine Schippe drauf, überladen klingt es nie. Die Stücke sind vielseitiger instrumentiert, oft wird im Chor gesungen. Die Lieder sind näher dran am klassischen Poplied, zelebrieren schwelgerische Refrains, die auf dem ersten Album noch beiläufig klangen.
Der Wandel ist den beiden Platten auch anzusehen. Ziert das erste noch eine Bleistiftzeichnung, sind beim zweiten pastellene Farben zwischen die behänden Striche geflossen. Doch sie strahlen das gleiche aus, Clara Luzia sitzt und wartet, eine Zigarette zwischen den Fingern, einmal zwischen den Gleisen, einmal am Hafen. Und so wie Eddie Brickell Gummibänder in Richtung der Sterne schnipste wartet wohl auch Clara Luzia vergeblich auf ihr Reisegefährt. Heute kommt kein Zug mehr, kein Schiff, keine Mondrakete. Ist aber auch egal.